Tag 3: Aus dem Leben eines Rheinschiff-Kapitäns

Es ist schon nicht einfach, als Binnenschiffer heutzutage über die Runden zu kommen. Die Frachtpreise sind im Keller und die Bahn und Lkw sind harte Konkurrenten. Um im Geschäft zu bleiben, fahren einige Kapitäne und Reedereien zum Selbstkostenpreis. “Die Frachtschifffahrt hat Zukunft und kann noch ausgebaut werden”, meint Thomas, mein Kapitän. Die Hoffnung auf bessere Zeiten stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Nun aber Tag 3 im Detail:

Das Aufwärmen der Schiffsmotoren hat mich um 6.30 Uhr geweckt. Der Kapitän scheint ein pünktlicher Mensch zu sein. Ich habe in meiner Koje herrlich geschlafen und hätte dies auch noch gut zwei Stunden fortsetzen können. Aber was soll’s: Man will ja nicht als Weichei gelten und passt sich natürlich den anderen Mannschaftsmitgliedern an.

Bei einem kurzen Landgang am Liege-Pier stellte ich fest, dass Binnenschiffer schon jetzt voll im Trend liegen: An blauen Säulen kann sich jeder, der über einen speziellen Schlüssel verfügt, gegen Gebühr unkompliziert mit Strom versorgen. Das hätte ich auch gerne für meinen Segway in den Fußgängerzonen der Städte und auf öffentlichen Parkplätzen.

Thomas legte um 7.30 Uhr ab und wir fuhren langsam den Dortmund-Ems-Kanal weiter in Richtung Münster. Auf der Brücke unterhielt ich mich mit Thomas über sein Privatleben. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und seine Familie in Frankreich zuletzt vor zweieinhalb Monaten gesehen.

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In den Sommermonaten leben seine Frau und die jüngste Tochter zeitweise mit ihm zusammen auf dem Schiff und fahren gemeinsam die unterschiedlichste Fracht über die Kanäle. Ohne den Job seiner Frau in Frankreich wäre es noch schwerer, über die Runden zu kommen. Immerhin fließen mehr als die Hälfte des Geldes, das er für die Fracht bekommt, in den Betrieb und Unterhalt seines Schiffes.

Mit 9 km/h näherten wir uns Münster. Thomas bot mir an, mich kurz vor Münster an Land zu lassen und später, nach der Schleuse Münster, wieder aufzunehmen. Einem Landgang mit Segway für einen Kurztrip in die Münsteraner Altstadt war ich nicht abgeneigt.

An einer kleinen Anlegestelle hievten Richard und ich den Segway an Land und ich machte mich auf den Weg. Eine Stunde hatte ich Zeit für meinen Ausflug in die Altstadt – mit dem Segway kein Problem, wenn da nicht diese vielen wahnsinnigen Fahrradfahrer in Münster unterwegs wären. Ich kenne keine Stadt in Deutschland, in der so viele Fahrrad-Rowdies unterwegs sind wie in Münster.

Es dauerte dann auch nicht lange, bis ich einen Auffahrunfall zweier Radfahrer aus nächster Nähe beobachten konnte. Ich wahr froh, als ich nach kurzer Stadtrundfahrt an der Schleuse ankam und Thomas mich mit seinem Frachter wieder an Bord nahm. Den Rest meiner Reise mit der “Surcouf” in Richtung Mittellandkanal verbrachte ich mit “Chillen” an Deck und dem tollen Ausblick auf die Kanallandschaft.

Leider ist die Mobilfunk-Infrastruktur in diesem Abschnitt des Dortmund-Ems-Kanals wenig ausgebaut, so dass ich den ganzen Weg abstinent von Twitter, Facebook und Co. leben musste. Um 17 Uhr erreichten wir den Mittellandkanal. An der Schleuse Bevergern kurz hinter dem Beginn des Mittellandkanals kam für mich die Zeit des Abschieds von Thomas, Richard und der “Surcouf”, da die Fracht des Schiffes weiter den Dortmund-Ems-Kanal nach Lingen gebracht werden musste.

Ich hingegen musste nun am Mittellandkanal weiter in Richtung Bramsche und war nun wieder auf meinen Segway angewiesen. Ein wenig wehmütig verabschiedete ich mich von meinem Kapitän und der Ein-Mann-Mannschaft Richard. Selten habe ich soviel Gastfreundschaft für einen eigentlich Unbekannten erlebt.

Nun war ich wieder auf mich alleine angewiesen. Mit 12 Stundenkilometern fuhr ich nun den Mittellandkanal hinauf. Ab Kilometer 22 fing ich an mir langsam Sorgen zu machen. Ich war nun schon mehr als 15 Minuten an keinem Haus mehr vorbei gekommen.

Ich fuhr entlang eines scheinbar riesigen unbewohnten Waldgebietes, ohne die Möglichkeit, per Internetverbindung GoogleMaps nach meinem Standort und dem Weg befragen zu können. Nach weiteren zwei Kilometern sah ich auf der gegenüberliegenden Kanalseite ein kleines weißes Haus. Ich fuhr über die Brücke und näherte mich langsam dem Haus und erblickte im Vorhof einige grün gekleidete Personen.

Die “Grünen” waren Jäger und ich war an der Försterei des Forstreviers Seeste angekommen. Den weiteren Verlauf meiner Begegnung mit der grünen Art erzähle ich euch morgen.

Bis dahin schonmal vorab: Waidmanns Heil!

Euer Seggy

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