Tag 13: Endlich in Hamburg

Was ursprünglich maximal sechs Tage dauern sollte, hat nun 13 komplette Tage in Anspruch genommen. Von meinem Ziel, den Hafengeburtstag in Hamburg (wenigstens einen Tag lang) mitzuerleben, konnte ich mich schon nach zwei Tagen verabschieden.

Hierfür hätte ich die ganze Strecke vom Herner bis zum Hamburger Hafen mit nur einem Binnenschiff nonstop zurücklegen müssen, was ja recht langweilig und unspannend gewesen wäre. Ich brach am Samstagmorgen, meinem 13. Reisetag, zeitig von Lüneburg aus auf, um gegen 10 Uhr am Schiffshebewerk Scharnebeck eine weitere Mitfahrgelegenheit mit einem Binnenschiff auf dem Elbe-Seitenkanal nach Hamburg ausfindig zu machen.

Ich fuhr wieder den Kanal-Radweg entlang, als am Horizont ein riesiges Bauwerk vor mir auftauchte. Wer zum ersten Mal an einem Schiffshebewerk ankommt, ist beeindruckt von der Größe und der Technik der Anlage. In Scharnebeck fahren in zwei 100 Meter langen Trögen, vollbeladene, über 80 Meter lange und mehr als 2.000 Tonnen schwere Schiffe, Fahrstuhl – und das mit einem Höhenunterschied von über 30 Metern.

Das Hebewerk in Scharnebeck galt 1974 bei seiner Eröffnung als das größte Schiffshebewerk der Welt. Da ich ja bereits positive Bekanntschaft mit dem netten Schleusenmeister Jörn an der Schleuse Sülfeld gemacht hatte, versuchte ich, über den Steuerstand des Hebewerks ein Schiff mit Kurs Hamburg ausfindig zu machen, das bereit wäre mich und meinen fahrbaren Untersatz mitzunehmen. Ich gab dem Schichtführer des Hebewerks meine Handy-Nummer und er versprach mir, mich anzurufen, sobald ein passendes Schiff in Sicht sei.

Es dauerte keine zehn Minuten, bis mein Telefon klingelte. Die „Schubexpress 10“, ein Schubverband mit zwei Leichtern (den antriebslosen Ladungsbehältern eines Schubverbandes) und Container-Beladung, zeigte sich bereit, mich bis Hamburg an Bord zu nehmen.

Oberhalb des Hebewerks nahm ich Kontakt mit Falk, dem Kapitän des Schiffes, auf. Er deutete mir an, mich an Bord zu nehmen, nachdem der erste Ladungsbehälter in den ersten Trog des Hebewerks manövriert worden sei. Schubverbände müssen am Schiffshebewerk Scharnebeck getrennt „Fahrstuhl“ fahren, da die Troglänge bei nur 100 Meter liegt und ein Schubverband zusammengesetzt mehr als 150 Meter Länge aufweist.

Für den Schiffsführer und die Besatzung bedeutet das einiges an Zusatzarbeit: erst den ersten Leichter in den ersten Trog, dann den zweiten Leichter und das Schubschiff in den zweiten Trog. Unten angekommen, Schubschiff und Leichter aus dem Trog raus und Leichter an der Kaimauer absetzen. Dann den zweiten Leichter aus dem zweiten Trog rausholen und vor den ersten setzen und verbinden. Danach das Schubschiff wieder vor den ersten Leichter in die Ausgangsposition setzen, und es kann weiter gehen.

Oberhalb des Hebewerks an Bord genommen, konnte ich nun selbst miterleben, wie es sich anfühlt, mit einem riesigen Schiffsfahrstuhl abgesenkt zu werden. Kris und Piotr, die Matrosen an Bord, machten cool und routiniert ihren Job. Falk, mein neuer Kapitän, war die Ausgeglichenheit in Person. Ruhig und lässig ’schubste‘ er die Leichter hin und her.

„Ist halt der Job eines Container-Schubsers. Wir sind hier ein reines Arbeitsschiff. Die Plüschsofas und Wohnzimmerschränke an Bord mancher Frachter auf dem Kanal, suchst du bei uns vergebens. Wir sind nicht so eine schwimmende Faultier-Farm“, erklärte mir Falk mit grinsendem Gesicht. Kris brachte uns Kaffee auf die Brücke und ich machte es mir in einer Ecke auf dem Notsitz bequem.

Falk erzählte mir von den Eigenheiten eines Schubverbandes: Im Gegensatz zu normalen Binnenfrachtern verfügen Schubverbände in der Regel über kein Bugstrahlruder, mit dem man leichter manövrieren kann. Trifft einen der Wind bei voller Beladung von der Seite, kann es brenzlig werden, wenn man nicht frühzeitig und richtig reagiert.

Immerhin haben voll beladene Container-Schubverbände mehr als 600qm Wind-Angriffsfläche – und das auf schmalen und ungeschützten Kanälen wie dem Elbe-Seitenkanal. Bei Artlenburg traf unser Schiff auf die Elbe. Der Unterschied zum ruhigen Kanalwasser wurde schlagartig spür- und sichtbar. Wellengang auf der Elbe schaukelte nun unser Schiff hin und her und am Bug sah man wie das Wasser über die Bordwand gespült wurde.

Piotr war an Bord auch der Smutje und bereitete das Mittagessen vor. „2,50 Euro und du kannst mitessen“, grinste Kris mich an. „Quatsch. Du isst selbstverständlich umsonst mit.“, erwiderte Falk. Meter für Meter näherten wir uns Hamburg. Vor uns tauchten die ersten Ladebrücken des Hamburger Hafens auf und wir ’schubsten‘ unsere Ladung in Richtung Elbbrücken. „Wir legen die Leichter an unseren Pier vor den Elbbrücken ab und bringen dich danach auf die andere Elbseite. Von dort kommst du mit deinem lustigen Gefährt super in die City.“, entschied Falk.

Nach einem Mannschaftsfoto mit Schiff verabschiedete ich mich von Falk und seinen Mannen und steuerte direkt Richtung Innenstadt, Hafen und Landungsbrücken. Vorbei am Hauptbahnhof, der Binnenalster und der Speicherstadt, konnte ich es kaum erwarten, endlich an den Landungsbrücken und dem Alten Elbtunnel anzukommen.

An den erstaunten Gesichtern der Hamburger vorbei, fuhr ich direkt vor das Portal der ‚Brücke 5‘ und fühlte mich riesig. Angekommen in Hamburg!

Auf meiner „Canale-Grande-Tour“ vom Duisburger zum Hamburger Hafen bin ich entlang des Rhein-Herne-, des Dortmund-Ems-, des Mittelland-, des Elbe-Seitenkanals und schließlich der Elbe, über 500 Kilometer mit dem SEGWAY gefahren und habe mehr als 300 Kilometer mit den unterschiedlichsten Binnenschiffen auf den Kanälen und der Elbe zurückgelegt.

Und das Wichtigste: Ich habe super nette und hilfsbereite Menschen an und auf den Kanälen, in den Städten und den Dörfern kennengelernt, bei denen ich mich mit diesem Bericht nochmals für alles bedanken möchte. Jetzt erst einmal ein paar Tage Hamburg und dann mal schauen, wie ich wieder in die Heimat komme.

In diesem Sinne: „Hummel hummel“!

Seggy

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