Tag 7: Die wahren Geschichten von Andi und Fabienne

Als ich die Tour plante, hatte ich mir vorgenommen, höchstens ein Mal für ein Zimmer und sogar gar nichts für Beförderungsmittel zu bezahlen. Der Grund hierfür: Eine Tour wie diese lebt von der Spontanität im Umgang mit den Menschen die man trifft. Ich fahre so weit, wie mich mein geladener Segway trägt.

Muss ich nachladen oder übernachten, muss ich improvisieren. Finde ich keinen Binnenschiffer, der mich mitnehmen will, muss ich halt mit dem Segway weiterfahren bis ich einen finde. Fängt man erst einmal an, dieses Prinzip aufzubrechen, verleitet einen das immer wieder, nicht nach kostenlosen Alternativen zu suchen.

In der Marienresidenz, meiner Pension für die Nacht, war ich wieder mit der Welt „connected“: Fernsehen an der Wand meines Zimmers und eine gute Internetverbindung. Ich beschloss, mich bis zum Nachmittag nicht mit der Tour und meinem Weiterkommen Richtung Hamburg zu beschäftigen.
Für den Abend hatte ich am vorherigen Tag zwei Wahlparty-Einladungen gesammelt – eine von der SPD und eine von den Grünen. Ich hatte vor, um 18 Uhr erst bei den Grünen und dann bei der SPD vorbeizufahren, um mir einen Überblick der Wahllage zu verschaffen.

Der Inhaber der Marienresidenz empfahl mir das Puppen-Museums-Café in der Mindener Altstadt, als „Ruhestätte“ für den Nachmittag. Hier würde man ruhig und ungestört sitzen können – eingerahmt von alten Puppen und Marionetten, die ja bekanntlich von Natur aus schon sehr schweigsam sind.
Im Puppen-Museums-Café machte ich es mir auf einem schweren alten Sofa bequem und versuchte bei Kaffee ein wenig abzuschalten und lies die vergangenen Tage Revue passieren. Über zwei Bekanntschaften, die ich bisher noch nicht erwähnt habe, machte ich mir im Besonderen Gedanken: Fabienne und Andi mit seiner Hundefamilie.

Andi traf ich am Mittellandkanal auf meinem Weg von Bramsche nach Bad Essen. Er stand mit seinem Fahrrad-Gespann und seinen vier Hunden unter einer Kanalbrücke und machte Pause, als ich ihn traf. Seinen kompletten Hausstand transportierte er auf seinem kleinen Fahrrad-Anhänger.

Seit sechs Jahren sei er nun ständig in Deutschland unterwegs. Nachts schläft er am Kanal, auf abgelegenen Wiesen oder, wenn er mal Glück hat, bei Bauern, denen er dann gelegentlich, für ein paar Euro, ein paar Tage bei ihren Arbeiten hilft. „Seine Frau“, wie er seine langjährige Begleiterin nannte, sei Anfang des Jahres an einer Lungenentzündung gestorben. Deshalb müsste er sich auch um ihre zwei Hunde kümmern. Die Hunde abgeben, das kann er nicht – auf keinen Fall. „Die Hunde sind meine Familie!“, sagt er.

Andi ist 34 Jahre alt, hat nach dem Abitur angefangen, Medizin zu studieren, war damit völlig überfordert und verabschiedete sich auf seine Weise von dem bürgerlichen Leben. Zusammen mit einem Kumpel, den er ab und zu auf seinen Wegen trifft, hofft er, irgendwann einmal an der Küste sesshaft werden zu können. Viel Glück, Andi.

Fabienne lief mir gestern Nachmittag vor Verwunderung fast vor den Segway, als sie mich ankommen sah. Ein 22-jähriges nettes und witziges Mädel, das eigentlich aus Wuppertal kommt und durch ihre Drogensucht nach Minden gekommen ist. Zur Zeit ist sie „clean“ und steckt in einem Methadon-Programm.

Ich lud sie ein, mit mir über die Kirmes zu gehen und sie erzählte mir ihre Geschichte. Von ihren angeblichen Freunden, die sie nur benutzt hätten und von ihrem Abstieg in den Drogensumpf – mit allen Facetten, die anscheinend obligatorisch dazu gehören. Heute, zu Muttertag, fährt sie ihre Mutter in Wuppertal besuchen.

Sie wünscht sich, endgültig aus dem Drogenumfeld herauszukommen und einen Job zu bekommen, auf den sie stolz sein kann. „Ich werde es schaffen, ich bin eigentlich sehr stark.“ Vielleicht zieht sie dafür auch aus Minden weg. Sie schafft es. Bestimmt.

Um 18.20 Uhr kam ich an der SPD-Zentrale an der Lübecker Straße in Minden an. Für eine Wahlparty hatten sich bis zu diesem Zeitpunkt recht wenige Leute hier eingefunden. Die erste Ergebnisprognose der NRW-Wahl war gerade über den Fernsehschirm reingekommen.

Und dann die erste Hochrechnung: SPD vor CDU und Schwarz/Gelb gescheitert. Geordnetes Klatschen. Jaja, Ostwestfalen freuen sich halt anders als wir im Rheinland und im Ruhrgebiet. Langsam wurde es immer voller. Ich trank ein Bier und bewunderte die Oma an der Imbissbude: Trotz ihrer fast 80 Jahre hätte die gute Frau, ohne Probleme auch ein ganzes Fußballstadion mit Wurst und Pommes versorgen können. Ich habe noch nie eine solche Koordination und Übersicht an einem Imbiss gesehen. Und alles ohne Hilfe. Ganz allein. Chapeau.

Plötzlich wurde es laut. Geradezu euphorisch wurde geklatscht und gejubelt: Die Landtagskandidatin der Mindener SPD trat auf und sprach zur versammelten Menge. Man sah den Stolz über das Wahlergebnis in den Augen der versammelten Genossen stehen. Endlich wieder da im einstigen SPD-Stammland NRW.

Bis in den späten Abend wurden jetzt politische Strategien und mögliche Koalitionen diskutiert. Man bot mir an, die Nacht im Gasthof eines Genossen zu verbringen und wurde nach der Party ohne meinen Segway dorthin chauffiert. Während ich mich, froh nun schlafen zu können, ins Bett begab, schlief mein Segway im SPD-Headquarter und saugte dort (hoffentlich) Ökostrom.

Wie sagt man so schön im Pott: Glück auf!

Bis Morgen. Seggy

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