Tag 5: Rettung in der Not

Segway-Fahren im strömenden Regen macht wirklich keinen großen Spaß. Wenn man dann noch regendurchnässt allein in einer Gaststätte spät am Abend darauf wartet, dass wieder genügend Energie in den Batteriezellen zur Weiterfahrt vorhanden ist, kommt man schon ein wenig ins Grübeln, warum man sich eine solche Tour antut.

Zum Glück gibt es gerade dann Menschen wie Antje und ihren Sohn Eike, die einen zu sich nach Hause einladen und auf der Wohnzimmer-Couch schlafen lassen. Den Kartentrick, den mir Eike nachts vorführte, überzeugte mich: Er hat wirklich Potenzial zum Zauberer.

Als ich seine Mutter am Abend in der Gaststätte Leckermühle (www.leckermuehle.de) auf den Weg nach Bad Essen kennenlernte, wartete sie gerade auf ihren Sohn, der an einem „Magischen Zirkel“ im Obergeschoss der Gaststätte teilnahm. Die „Leckermühle“ verwandelt sich mehrfach im Monat zum „Hogwarts“ im Osnabrücker Land.

Zirka 40 angehende Zauberer, Magier und Mentalisten waren an diesem Abend zu einer Seminarveranstaltung des „Magischen Zirkels“ an den Mittellandkanal gepilgert, um sich auszutauschen und neue Tricks zu kaufen. Der am Ort befindliche Vortrags-Magier verkaufte seine Tricks (samt Anleitung) zu recht stattlichen Preisen.

Eike ist immerhin auch rund 100 Euro los geworden. Nicht schlecht, dass vor kurzem Konfirmation gefeiert wurde. Als Antje mitbekam, dass ich noch nicht genau wisse, wo ich nachts übernachten würde, bot sie mir spontan ihre Wohnzimmer-Couch als Nachtlager an.

Das einzige Problem an der Sache: Sie wohnt in Bramsche – und da kam ich ja gerade erst her. Ich entschied trotzdem, in dieser verregneten Nacht mitzukommen und ließ meinen Segway, nach Rücksprache mit dem Inhaber der Leckermühle, im Eingang des Gasthauses am Strom angeschlossen, stehen.

Froh, in dieser regnerischen Nacht nicht weiterfahren zu müssen, schlief ich wie ein Murmeltier auf Antjes Wohnzimmer-Couch. Nach dem Frühstück am Morgen fuhr Antje mich ins Zentrum von Bramsche. Ich bedankte mich für ihre herzliche und spontane Hilfe, die sie einem Unbekannten wie mir mit dem Nachtlager auf ihrer Couch, gewährt hat. In Bramsche musste ich nun schauen, wie ich die 25 Kilometer zu meinem Segway wieder zurück kommen würde.

Bus oder Bahn? Beides doof! Ich hatte nicht bedacht, dass hier auf dem Land die Verbindungen der öffentlichen Verkehrsmittel etwas anders ausgeprägt sind, als in der Stadt. Ich wäre locker zwei bis drei Stunden unterwegs gewesen, so dass ich mich entschied, die heutzutage wohl ungewöhnlichste Art zu reisen – nämlich zu trampen.

Ich stellte mich an einen strategisch günstigen Punkt in Bramsche – vor einen Aldi-Markt – und versuchte mein Glück: Finger raus und warten. Ich konnte es kaum glauben: Ich stand gerade einmal zwei Minuten als Tramper an der Straße, als es hinter mir hupte. „Wo ist denn dein komisches Gefährt“, rief jemand aus einem hinter mir haltenden Auto.

Ich drehte mich um und sah die zwei Frauen, die mich am Tag zuvor am Varusschlacht-Museum interessiert über meinen Segway ausfragten. Es war wie ein Wunder: Nach kurzer Erklärung meiner misslichen Lage entschied Michaela, die Fahrerin, mich zu meinem Fortbewegungsmittel zu bringen. Völlig selbstverständlich und sofort, obwohl zu Hause die Familie auf den Mittagstisch wartete. Während der Fahrt erfuhr ich, dass die Damen zu dem Reinigungsteam gehören, die Abends im Museum für Ordnung und Sauberkeit sorgen. Ich wusste gar nicht, wie ich mich bedanken sollte, als wir an meiner Segway-Garage ankamen. Für Michaela, einem meiner Glücksengel, war es selbstverständlich mir in meiner Lage zu helfen.

Ich machte meinen Segway zügig startklar und fuhr weiter nach Bad Essen – dem Ort in dem in diesem Jahr die Landesgartenschau Niedersachsen zu Hause ist. Blumen brauchen ja bekanntlich Regen, aber soviel wie in den letzten Tagen? Bad Essen ist eine herrliche kleine Stadt am Mittellandkanal. Die Landesgartenschau befindet sich an zwei Orten in der Stadt: zum einen südlich des Kanals auf dem Gelände des Soleparks, und zum anderen auf dem Parkgelände von Schloss Ippenburg nördlich des Kanals (www.landesgartenschau-badessen.de).

Ich bin überzeugt, dass ich an einem sonnigeren und wärmeren Tag das Motto der Landesgartenschau „Ein Bad im Blütenmeer“ erst so richtig erlebt hätte. Auf meiner Fahrt durch Bad Essen fiel mir ein weiteres Schloss auf: Schloss Hünnefeld – ein wunderschönes Schloss, auf dem bis zum 13. Juni die wunderschöne Barock-Gartenkunst-Ausstellung des dänischen Gartenkünstlers Tage Andersen zu sehen ist (www.schloss-huennefeld.de).

An diesem Ort stört einen das diffuse Licht dieses Tages nicht. Die Gartenkunst-Installationen und die Atmosphäre in den Gärten und den anliegenden Hofgebäuden wirken ideal auf dieses Wetter abgestimmt: melancholisch und romantisch. Schweren Herzens machte ich mich am Nachmittag wieder auf den Weg.

Hier wäre ich gerne länger geblieben, aber irgendwann muss ich ja mal in Hamburg ankommen. Den Kanal entlang ging es weiter. Langsam wurde es dunkel und ich entschied mich, dem Ratschlag von Armin und Kerstin, einem Schiffer-Ehepaar, zu folgen und bei Oskar 73, einer Schiffer-Gaststätte mit anliegendem Bootsausstatter-Betrieb bei Mittellandkanal-Kilometer 73, das berühmt-berüchtigte Schnitzel zu Abend zu essen (www.oskar73.de).

Es wurde später und ich kam mit Oskar, dem 72-jährigen lebensweisen Inhaber, ins Gespräch. Unser Gespräch ging bis in die Nacht. Gegen 1.30 Uhr holte er mir Decken und bot mir die Eckbank seiner Gaststätte als Nachtlager an: „Ihnen fallen ja schon die Augen zu. Legen sie sich mal hin und schlafen sie gut und in Ruhe.“ Das tat ich auch, nach gefühlten 30 Sekunden.

Bis Morgen.

Seggy

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